Abschied

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Sie saß mir gegenüber, die Beine lässig übereinander geschlagen. An ihrem Fuß baumelte ein schwarzer Pumps, der kurz darauf mit einem leichten Plopp auf den Boden fiel. Sie zog den nackten Fuß unter sich, streifte auch den anderen Schuh ab und machte es sich im Sessel gemütlich. Sie pustete in ihre Tasse und nahm vorsichtig einen kleinen Schluck ihres Tees, legte ihre Hände um die warme Tasse und vergrub sich tief in die Geschichte des Buches auf ihrem Schoß. Gerade noch schien es sehr lustig gewesen zu sein, ein Strahlen lag auf ihrem Gesicht, die Augen blitzten. Spitzbübisch grinste sie in sich hinein. Doch etwas geschah. Das Lächeln war Sorgenfalten gewichen. Ihre Augen sprangen schnell von Zeile zu Zeile, rasch blätterte sie um. Sie begann nervös an ihrer Unterlippe zu knabbern und bedeckte ihren Mund mit einer Hand. Sie wirkte angespannt. Es faszinierte mich immer wieder, wie sie in künstlich erschaffenen Welten abtauchte und mit den Protagonisten eine abenteuerliche Reise antrat. Nichts um sie herum drang mehr an sie heran, sie lebte ganz und gar an der Seite der Figuren, liebte und litt, kämpfte manches Mal sogar mit den Tränen. Ich konnte Stunden damit zubringen, in ihrem Gesicht zu lesen und mir vorzustellen, welchen Bösewichten sie gerade nachstellte oder welche große Liebe gerade leidenschaftlich zu blühen begann. Ihr Kapitel war zu Ende. Sie entspannte sich und sah auf, ihr Blick noch ganz verhangen, noch nicht vollständig im Hier und Jetzt angekommen. Sie sah zu mir herüber und lächelte mich an.

Wie ich dieses Lächeln vermisste. Monate waren vergangen, seit ich es zum letzten Mal sah. Dann war sie weg. Ohne ein Wort. Sie hinterließ eine Leere, wie ich sie mir unendlicher nicht hätte vorstellen können. Die Welt verlor ihre Farbe, verblasste mit einem Schlag. Tagelang starrte ich vor mich hin, erschüttert darüber, dass die Welt sich weiterdrehte als wäre nichts geschehen. Ich wollte schreien und toben, etwas zerschlagen. Doch nichts geschah, keinen Zentimeter bewegte ich mich, keinen Laut bekam ich heraus. Nicht einmal weinen konnte ich. Es war, als wäre mein Innerstes versiegt. Meine Seele hatte sich in die hinterste Ecke verkrochen und verweigerte jeglichen Kontakt. Schwer geschunden und verletzt lag sie dort. Ich war nicht sicher, ob sie überhaupt noch lebte.
Ich flüchtete mich in Erinnerungen, die ich so lebendig und farbenfroh herauf beschwor, dass ich für kurze Augenblicke vergessen konnte, was geschehen war. Ich konnte sie riechen, diese Mischung aus Sonne, einem frischen Parfum und einfach ihrem Duft, der sich wandelte je nach Tageszeit: frisch und leicht, wenn sie morgens aus der Dusche kam, warm und weich, am Nachmittag wenn die Sonne ihre Haut verwöhnt hatte, schwer und sinnlich, wenn sie nachts in meinen Armen lag. Ich spürte ihre weiche, warme Haut unter meinen Händen, ihr geschmeidiges Haar, das fruchtig duftete. Hörte ihr perlendes Lachen und sah das Leuchten in ihren Augen. Das war es, was mir am meisten fehlte. Nie wieder würde ich solch lachende Augen finden, egal wie vielen Menschen ich noch begegnete. Niemand war wie sie.
Ich fragte mich oft, wie ein Mensch so perfekt sein konnte. Und genau das war sie für mich: perfekt. Nichts hätte ich anders haben wollen. Bevor ich sie kennenlernte, gab es bereits einige Frauen in meinem Leben. Ich war verliebt, ich begehrte sie. Aber bedingungslose Liebe kannte ich bis dahin nicht. All diese anderen Frauen waren toll, aber es gab immer etwas, das nicht ganz passte und am Ende dazu führte, dass die Beziehung nicht erfolgreich verlief. Aber als ich sie traf spürte ich vom ersten Moment an eine tiefe Vertrautheit. Ich hätte ihr mein Leben anvertraut, ohne zu wissen wer sie war. Dinge, die mich an anderen Frauen gestört hatten, machten sie erst zu dem was sie war. Ein Mensch aus Fleisch und Blut, mit Fehlern und Makeln und doch so unendlich bezaubernd.
Stundenlang konnte ich mich in diesen Erinnerungen verkriechen. Sie mir zurück holen, mit ihr ganz allein sein. Doch sie entglitt mir. Je öfter ich Zuflucht in der Vergangenheit suchte, desto schwerer bekam ich sie zu fassen. Ich wusste, wie es sich anfühlte, mit ihr zusammen zu sein. Aber ich sah sie nur noch verschwommen vor mir. Ab und an tauchte ihr Bild ganz klar vor mir auf, doch sobald ich versuchte es festzuhalten, verschwand sie im Nebel der Erinnerungen. Es machte mich wütend. Nichts wollte ich mehr, als sie bei mir zu behalten. Doch sie verließ mich ein zweites Mal. Die Erinnerungen fingen an sich kalt und nackt anzufühlen. Abgegriffen vom vielen Betrachten.
Was hatte die Liebe für einen Sinn? Sie war ein bestialisches Tier, dass sich anschleicht, dich umwirbt bis es dich sein eigen nennt. Wenn du vertraust und dich öffnest, glücklich bist wie nie zuvor in deinem Leben, dann zeigt es sein wahres Gesicht. Es nimmt dir das Liebste und zerreist dich bei lebendigem Leib, lässt dich winselnd und bettelnd zurück und nimmt hämisch grinsend den Sinn deines Lebens.

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